Text und Bilder: Paul Böhm und Seilpartner
„Material: 30 Expressschlingen, Hammer, Haken, Handbohrer inkl. Notfallbolt, Skyhook, Pecker und Clipstick empfohlen.“
Ein abenteuerlustiges Kraxelherz wird bei dieser Routenbeschrebung gleich neugierig höher springen. Als ich auch noch las, dass diese Via Vertigine am Monte Brento auf 15 Seillängen ca. 80m überhängt (Anm: Vertigine heißt auf deutsch „Schwindel“) und dass vom Ausstieg einer der sichersten Basejumps der Welt in die Tiefe führt, war meine Neugierde vollends geweckt. So schlummerte seit Jahren der Wunsch in mir, mir diese gewaltig überhängende Wand näher anzuschauen. Bis jedoch wirklich die Basejumper hinter uns in die Tiefe sausten, vergingen einige Jahre und einige Übungs-Stunden in Trittleitern.
Im Alpenraum hat das technische Klettern nicht gerade einen guten Ruf. Als Hakenrasseln, unsportliches Hochnageln und Materialschlacht ist es verschrieen. Seit den 70ern ist Freiklettern angesagt, und die Trittleitern verstauben seither vereinsamt auf Dachböden und in Kellerabteilen. Technische Routen wurden „befreit“ und die Rotpunktbewegung kam derart in die Mode, dass keiner auf die Idee kam den Spieß umzudrehen und technische Lösungen für Freikletterrouten zu finden.
Trotz des schlechten Rufes hatte uns die Abenteuerlust gepackt und wir wollten in Dächern herumturnen, in denen wir mit trockener Freikletterethik keinen Auftrag hatten. Das erste Problem jedoch war die Materialbeschaffung. Sämtliche Leitern, die wir im Bekanntenkreis ausfindig machen konnten, gehörten eher in ein „Fritz Kasparek Museum“ als an einen modernen Klettergurt. Die positive Seite der Medaille: im Bergsportgeschäft bekamen wir sofort einen Sonderrabatt auf die verhassten Ladenhüter und so hatten wir das nötige Material bald beisammen.
Als erstes ging es in den Klettergarten zu einer Übungseinheit. Das Ergebnis war fabelhaft: Noch nie war ich so schnell eine 7b rauf gekommen (und das obwohl der Handbohrer noch nicht ein Mal zum Einsatz kam). Schnell zeigte sich, dass dieser Spaß alles andere als langweilig war. Wer das nicht glaubt, sollte sich bloß an exponierter Stelle in einen wackeligen Skyhook setzen und daran höher steigen. Wem auch das noch nicht reicht, der klopfe die Spitze eines dünnen „Pecker“ in einen 2mm Riss und wiederhole die Übung. Schnell zeigte sich auch, dass technische Lösungen für Sportkletterrouten ganz schön anspruchsvoll sein konnten. Teilweise mussten wir sogar auf das langweilige Freiklettern zurückgreifen. Und auch das Hantieren mit den Leitern wollte geübt sein. Zu Beginn hingen wir nicht selten ziemlich verklemmt in der Wand.
Doch zurück zur Via Vertigine: Um uns auf dieses Abenteuer vorzubereiten, kletterten wir in Arco waagrechte Dächer an dünnen Bohrhaken und testeten unser Material. Eine Erkenntnis: nicht immer halten rostige Normalhaken mehr als erwartet (siehe Foto).
Auch in Österreich ging die Vorbereitung weiter. Erst kam der dicke Wulst des Kurt Reha Gedächtniswegs in der Blechmauer dran, dann der Adlerriss in der Hundswand. Langsam bekamen wir einen Überblick über die unzähligen technischen Tricks und Handgriffe und es passierte uns nicht mehr so oft, dass wir komplett blockiert und abgeklemmt in einem Haken hingen und uns durch einen Notfallklimmzug retten mussten.
So rückte die Via Vertigine langsam in greifbare Nähe. Und plötzlich saßen wir eines schönen Nachmittages gespannt mit einem dicken Haulbag in einer Bar unter dem Monte Brento und blickten leicht mulmig in das Gelbe Universum der Überhänge und Dächer hinauf. Übermorgen wollten wir wieder bei Espresso hier sitzen…
Am späten Nachmittag stiegen wir ein und kletterten die ersten 12 Seillängen, die uns über geneigte Platten führten. Nach einem Biwak in der Wandmitte fing das eigentliche Abenteuer an. Über viele Stunden arbeiteten wir uns an dünnen Bohrhäkchen und Schlaghaken aller Güteklassen höher, zerrten den Haulbag nach – und hinter uns sausten über 20 Basejumper in die Tiefe. Eine skurrile, surreale Tour. Auf engem Raum werden hier unterschiedlichste verrückte Ideen ausgelebt.
Obwohl wir uns in all den Stunden nicht besonders elegant fühlten, und erst nach Mitternacht komplett fertig mit schmerzenden Gliedern am Ausstieg ankamen, so war es für mich doch ein kleiner Traum, der gerade in Erfüllung gegangen war.
Nach etlichen Metern und Stunden in den Trittleitern hier mein Resume zur Einstiegsfrage: Hakengezerre oder vergessene Kunst? Beides!









