Ein olympischer Morgen beginnt mit? Na? Kipferl und Kaffee? Nicht, wenn 600 Höhenmeter auf die Kletterpatschen warten. Also stehen wir noch vor Betriebsbeginn des Kaffeehauses schwer beeindruckt vor einem der Kraxel-Aushängeschilder der Dolomiten.
Kommen sie herbei, treten Sie heran. Tofana di Rozes schätzt sich glücklich Sie in ihrem Reich begrüßen zu dürfen. Tatsächlich? Ehrfürchtig legt man den Kopf weit in den Nacken und Hand (und Fuß) an silbergrauen Dolomit. Erste Länge? A Vierer – in der jüngeren Literatur immerhin bereits mit einem Plus versehen. Absicherung?
Ab Länge fünf wird’s steiler. Der Vorsteiger arbeitet hier offenbar mit allen Tricks und lässt sich von der Thermik unterstützen. (Nur so ist mir sein Tempo erklärlich 🙂 Auch in der verflixten (geheimen Schlüssel) Länge sieben. Schwer zu lesen. Und die spärlichen Rostgurken verdrücken sich vorm geklinkt werden tief in ihre schmalen Risse.
Wir vertrauen jedoch unserem Bernardi und bleiben so noch vier weitere Längen unverhaut. Dann legt sich das Gelände spürbar zurück. Bröselt. Schottert. Topo und -logie lassen sich kaum noch in Übereinstimmung bringen. Also auf zur kreativen Routenfindung. Do? Waaß i do ned. Auffi. Rechts. Ummi. Mehr ois vier deafats ned wern
Rifugio Giussani? Lass ma links liegen. Schottern weiter direkt in die Blaue Stunde. Veritables Zauberreich zwischen Tag und Nacht. Aus wilden Türmen und Fialen werden geheimnisvolle Scherenschnitte, und auch die bunten Wände der Tofana versinken langsam in Zwielicht und Düstergrau.
Neuer Tag. Neues Glück. Abstecher zu Ponta Lastoi di Formin. Die eingebohrten Touren in der prallen Südwand sind bestens besucht, also buchen wir um, von König Arthur (Re Artu) auf Klaus Hoi (Diedro Nero) – erwartungsgemäß ein sicherungstechnischer Rückschritt. Ich bin heute gar nicht gut drauf – verweigere nach zwei Seillängen.
Cima della Madonna. Alpines Gesamtkunstwerk aus Hochgebirgskalk. Nicht nur die alpine Flora, sondern sogar die Steinmänner am Zustieg scheinen ihr zu huldigen. Wir finden Unterschlupf zu ihren Füßen im gemütlichen Rifugio Velo und dürfen des Abends ihr zartes Erröten aus nächster Nähe bewundern.
Die ersten vier Längen dürfen wir ohne klar vorgegebene Route im perfekten Fels des breiten Schleiers schwelgen. Dann folgt der erste Pfeiler. Steil. Etwas weniger griffig. Dafür stecken immerhin sieben Rostgurken auf vierzig ziemlich vertikalen Metern. Stand. Klebehaken-Stummel zeugen vom Bohrhakenstreit in dem sich offenbar die Flex-Fraktion durchgesetzt hat.
Bleibt die steile Schlusswand mit dem berühmt-berüchtigten Spreizschritt vom zweiten Pfeilerkopf. Rückt den Adrenalinspiegel noch einmal zurecht, bevor sich Gipfel-Entspannung breitmachen darf. Aber, Madonna, nicht zu sehr, denn schließlich wartet noch Georg Winklers Husarenstück.