Hello Doli

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Oliver König, Thomas Jekel

Ein olympischer Morgen beginnt mit? Na? Kipferl und Kaffee? Nicht, wenn 600 Höhenmeter auf die Kletterpatschen warten. Also stehen wir noch vor Betriebsbeginn des Kaffeehauses schwer beeindruckt vor einem der Kraxel-Aushängeschilder der Dolomiten.

Kommen sie herbei, treten Sie heran. Tofana di Rozes schätzt sich glücklich Sie in ihrem Reich begrüßen zu dürfen. Tatsächlich? Ehrfürchtig legt man den Kopf weit in den Nacken und Hand (und Fuß) an silbergrauen Dolomit. Erste Länge? A Vierer – in der jüngeren Literatur immerhin bereits mit einem Plus versehen. Absicherung?

Spärlich. Sehr. Spärlich. Und das, was steckt, könnte direkt auf Costantini und Ghedina zurückgehen, die die Route 1946 eröffneten. Also bitte – Freunde einladen. Denn auch die Stände sind kaum besser ausgerüstet. Zweite Länge? Riss? Kamin? Jedenfalls ein guter Freundeschlucker. Länge drei? Luftige Traverse unter den Überhängen in die pralle Südwand.
 

 

Ab Länge fünf wird’s steiler. Der Vorsteiger arbeitet hier offenbar mit allen Tricks und lässt sich von der Thermik unterstützen. (Nur so ist mir sein Tempo erklärlich 🙂 Auch in der verflixten (geheimen Schlüssel) Länge sieben. Schwer zu lesen. Und die spärlichen Rostgurken verdrücken sich vorm geklinkt werden tief in ihre schmalen Risse.

Die nominelle Schlüssellänge glänzt dagegen mit vergleichsweise guter Absicherung. Etliche gefädelte Sanduhren beruhigen den vogelfreien Spitzentanz über luftiger Tiefe. Um die Kante herum ändert sich das Bild jedoch schlagartig. So mancher schattige Verhauerhaken lockt potentielle Verhauer 🙂
 

Wir vertrauen jedoch unserem Bernardi und bleiben so noch vier weitere Längen unverhaut. Dann legt sich das Gelände spürbar zurück. Bröselt. Schottert. Topo und -logie lassen sich kaum noch in Übereinstimmung bringen. Also auf zur kreativen Routenfindung. Do? Waaß i do ned. Auffi. Rechts. Ummi. Mehr ois vier deafats ned wern

Ausstieg auf die Schulter. Tofana habet Dank. Kurzer Rundblick. Auch auf den Zeitmesser. Spät is. Also runter. Über das Schotterhalden-Monster. Und über das exponierte Band zur nächsten Halde. Glücklicherweise wieder begehbar, nachdem sich Bergsturzmaterial jüngeren Datums auf dem Band lang genug breit gemacht hat.
 

Rifugio Giussani? Lass ma links liegen. Schottern weiter direkt in die Blaue Stunde. Veritables Zauberreich zwischen Tag und Nacht. Aus wilden Türmen und Fialen werden geheimnisvolle Scherenschnitte, und auch die bunten Wände der Tofana versinken langsam in Zwielicht und Düstergrau.

Während sich Antelao bereits ein Schlafhauberl aufsetzt und das wilde Gebiss der Croda da Lago unser Gestolper verlacht, hat Frau Luna ein Einsehen und schenkt uns ihr silbernes Lächeln. Trotzdem. Viel angenehmer ist es wohl, den Brunch im Sonnenschein einzunehmen. Und weil’s heut unerwartet schön bleibt, häng ma uns noch ins Trapez. Am Lagazuoi.
 
Cipriani hat uns einen schönen Rasttags-Vierer zusammengestellt. Aber kaum oben passt sich das Wetter doch noch der Prognose an. Jetzt aber los über das Ausstiegsband zur Abseilpiste. Ein Guss zieht knapp vorbei. Aber nach dem Touchdown auf der Schotterhalde werden wir auf den letzten Metern zur Passhöhe doch noch mit feinstem Dolomitenwasser getauft.
 

Neuer Tag. Neues Glück. Abstecher zu Ponta Lastoi di Formin. Die eingebohrten Touren in der prallen Südwand sind bestens besucht, also buchen wir um, von König Arthur (Re Artu) auf Klaus Hoi (Diedro Nero) – erwartungsgemäß ein sicherungstechnischer Rückschritt. Ich bin heute gar nicht gut drauf – verweigere nach zwei Seillängen.

Damit ist die Zeit reif für ausführliche Meditationen über den grünen Almmatten des Mondeval zu unseren Füßen. Hier pfeift das Murmeltier und aus der Ferne grüßen Pelmo und Civetta. Was uns daran erinnert, dass die Civetta-Vertraute Pala auf uns wartet. Aber bis dorthin gilt es noch so manchen Pass zu überwinden.
 

Cima della Madonna. Alpines Gesamtkunstwerk aus Hochgebirgskalk. Nicht nur die alpine Flora, sondern sogar die Steinmänner am Zustieg scheinen ihr zu huldigen. Wir finden Unterschlupf zu ihren Füßen im gemütlichen Rifugio Velo und dürfen des Abends ihr zartes Erröten aus nächster Nähe bewundern.

Ebenso bewundern dürfen wir die Göttin der Morgenröte, da wir uns mit den anderen Seilschaften am Vorabend auf eine Bewunderungs-Reihenfolge geeinigt haben. Und so krabbeln wir als erste Seilschaft schon im ersten Morgenlicht über den Klettersteig zum Einstieg am Fuß des Schleiers der Madonna.
 

Die ersten vier Längen dürfen wir ohne klar vorgegebene Route im perfekten Fels des breiten Schleiers schwelgen. Dann folgt der erste Pfeiler. Steil. Etwas weniger griffig. Dafür stecken immerhin sieben Rostgurken auf vierzig ziemlich vertikalen Metern. Stand. Klebehaken-Stummel zeugen vom Bohrhakenstreit in dem sich offenbar die Flex-Fraktion durchgesetzt hat.

Unser Topo behauptet, dass der erste Pfeilerkopf auf der Nordseite sehr einfach umgangen werden kann. Kein Abseilen, oder gar weiter Spreizschritt erforderlich. Stimmt. Dann folgt das in jedem Bericht hochgelobte Schwelgen am zweiten Pfeiler im oberen vierten Grad. Dem können wir auch nur anschließen.
 

Bleibt die steile Schlusswand mit dem berühmt-berüchtigten Spreizschritt vom zweiten Pfeilerkopf. Rückt den Adrenalinspiegel noch einmal zurecht, bevor sich Gipfel-Entspannung breitmachen darf. Aber, Madonna, nicht zu sehr, denn schließlich wartet noch Georg Winklers Husarenstück.

Der Kamin bietet, neben zwei hurtigen Abseilfahrten, vorab eine Traverse im vierten Grad. Dagegen wirkt die anschließende archetypische Dolomitenschlucht geradezu harmlos, selbst wenn hier auch noch kurze Abseiler warten. Und was ist mit den berühmten Pala-Nebeln? Heben wir uns für den Abstieg auf.